Madama Butterfly: a General Portrait

Chiara Pasqualetti interviews Clarina Bezzola

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Chiara Pasqualetti interviews Clarina Bezzola

Arte

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Translation into German:

Madame Butterfly. Sie näht sich in Kokons aus Schaumgummi, um zu singen, zu tanzen, zu rezitieren. Grausame und theatralische Performances in Frankfurt inszeniert.

Opernarien von lebendigen Skulpturen gesungen.

Skulpturen und Gemälde in Frankfurt . Alle Performances auf dem Internet

 

Eingewickelt in einen Kokon von Stoff und Schaumgummi singt, rezitiert und tanzt Clarina Bezzola. Das Publikum beobachtet sie, jemand lacht, andere sperren die Augen auf, wieder andere senken den Blick verlegen, als sie sich – mit einer unerwarteten Geste – auszieht und wieder anzieht, um eine neue Identität anzunehmen. Wie Schmetterlinge ihre Puppe verlassen und ihre Flügel zum ersten Mal entfalten, so inszenieren ihre Performances Geschichten von schmerzhaften Metamorphosen.

„Es sind kleine Autobiographien, aber gleichzeitig denke ich, dass sie uns alle angehen“, erklärt die Schweizer Künstlerin, 39 Jahre alt, mit dem beweglichen Körper einer Ballerina und langem braunen Haar. Um über ihre Arbeit zu sprechen, gräbt sie in der Vergangenheit, erzählt von ihrer Kindheit in Zürich in einer Familie von Musikern, vom Debut als lyrische Sängerin, vom Umzug nach New York im Jahr 1990, um Kunst zu studieren, und v.a. vom dunkeln Tunnel, in dem sie gleich danach geraten ist. „Während 10 Jahren habe ich mich isoliert, versunken in einer Depression, während ich versuchte ein perfektes Individuum zu sein, das was die anderen von mir erwarteten. Dann habe ich meinen Weg gewählt und bin wieder hervorgekommen, um die harte Schale aufzubrechen, in der ich eingesperrt war. Die erste Performance, Lamentation, ist aus dem Jahr 2001. Drei Wochen nach dem 11. September, in der Stadt, die immer noch unter Schock steht, stellt sie in der Galerie Cynthia Broan aus. Eingepackt in einen Taucheranzug aus Baumwolle mit Blumenmuster und mit einer langen Schleppe, singt sie eine traurige Litanei und läutet ein Glöckchen, indem sie sich mit langsamen Schritten dahinschleppt. Bis heute hat sie diese Performance 6x wiederholt, mit dramatischen, immer intensiveren Effekten. „Ich habe gemerkt, dass man, um gewisse Gefühle vermitteln zu können, wissen muss, was Du ausdrückst, aber nicht unbedingt darin verwickelt zu sein braucht.“

Diese ausgepolsterte Hülle, von ihren Händen gemacht, gibt den Anstoss zu einer Serie tragbarer Skulpturen, den wearable sculptures. Oberteile bespickt mit Zähnen, Schilde weich wie Kissen, Rüstungen mit  Fühlern in Schaumstoff, die den Körper, den sie umwickeln, schützen, aber ihn gleichzeitig einschränken. Es sind die Darstellungen einer überzivilisierten Welt, überflüssigen Überstrukturen, von denen man sich besser befreit, genau wie es in der Performance Inside-out geschieht. Hier verwandelt sich Clarina in eine lebendige Skulptur, eine Puppe aufgebläht mit unnützen Organen, die eines nach dem anderen aus den Öffnungen der Kleider gezogen werden und von den sie sich schliesslich befreit, bis sie nackt ist. Verlassen am Boden, bleibt ein Berg von Gedärmefetzen aus glänzendem Lamé, Fühler aus violettem Filz, kirschenfarbenen Öffnungen, Symbole der verdrängten Gefühle und Emotionen. 2004, als sie ihre Arbeit in Europa und in Miami Basel präsentiert, ist sie immer noch derselbe unsichere Mensch, von der Depression gezeichnet. An der Messe Scope  waren meine Arbeiten ausgestellt, aber ich selber habe das Hotelzimmer nie verlassen.“ Sie beschliesst, sich helfen zu lassen, sie liest, meditiert Shambhala. Dann stellt sie die Seiten ihrer Skizzenhefte aufs Internet, voller Zeichnungen und Anmerkungen, um ihre versteckteste Seite zu teilen mit wem das will.

Die Performances der letzten Jahre erzählen davon, wie sie ihre Isolation verlassen hat. Im Video Happy Death in Life and Birth into Now, in Wien gedreht, bittet sie Passanten um ihre alten Kleider: Jacken, Hosen und Hemden werden zusammengenäht zu einem enormen Spinnennetz, das Netz der menschlichen Beziehungen. In Swiss miss: a Gathering, entpuppt sich die idyllische Landschaft, in der sie tanzt und singt in traditioneller Schweizer Tracht, als Wald von fleischfressenden Pflanzen, von denen dieselbe Clarina, einmal ausgezogen, Teil wird. Eingeengt in einen Zylinder aus Spandex und Vinyl, verwandelt sich der Schmetterling in ein Monster. Sie beichtet mit lauter Stimme ihre Schwächen: „Ich habe den Mann einer Anderen geküsst“, verkündet sie, oder „ich bin nicht die richtige Person, um diese Arbeit zu machen“. Dann zieht sich ihr Blumenkleidchen wieder an und lässt sich, in Frieden mit sich selbst, von der Menge umgeben. Die letzte Arbeit, Two Worlds, wieder dieser Tage in Frankfurt präsentiert. Belastet durch das Gewicht eines Skulpturenkleides, das von den knorrigen Formen eines Baumstrunks inspiriert ist, geht sie mühsam durch die Strassen Frankfurts, eine Kugel von Erde und Laub vor sich hinstossend. Erschöpft lässt sie sich von den Wurzeln, die sie nachgezogen hat, einhüllen, in der x-ten Metamorphose, die sie diesmal in eine moderne Daphne verwandelt, während sie mit ihrer klaren Stimme eine Arie aus der Somnambula singt.