When I Walk alone in the Streets
Clarina Bezzola

Austrian Cultural Forum New York

20.September 2011– 3.January, 2012


Interview: Andreas Stadler (Direktor des ACF) mit Clarina Bezzola

A: Clarina, Was hat dich bewogen am Beauty Contest teilzunehmen?

C: Es war für mich eine spannende Herausforderung, mich einmal ganz spezifisch mit dem Thema Schönheit auseinanderzusetzen.  Wenn wir von Schönheit sprechen meinen wir oft unsere äußere Schicht – den ersten Eindruck, den wir auf unsere Umwelt machen. Das Thema Schönheit der Frau ist in der Kunstgeschichte und auch in der Sozialgeschichte der Menschheit ein äusserst wichtiges Thema. Schönheit ist auch ein Thema, das schon immer eng mit Frauen verbunden wurde; Für die Frau impliziert Schönheit Wettkampf und Stärke.

A: Ist Schönheit eine Hülle?

C: Schönheit betrifft die Sinne. Für Frauen bedeutet Schönheit Macht und Kraft in der Welt greifbaren Welt; Diese Machtbegierde lässt sich in Märchen, wie zum Beispiel im Schneewittchen bildhaft nachvollziehen, wenn die Königin ihren Zauberspiegel befragt: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Meine Mutter befasste sich auch immer liebend gern mit ihrer Schönheit. Sie verbrachte mit Begeisterung viel Zeit im Badezimmer um sich zu hegen und zu pflegen. Einmal, als ich ganz klein war, erinnere ich mich, fragte ich sie: „Mami, bist du die schönste Frau der ganzen Welt?“ Worauf sie antwortete: „Ich weiß nicht, ich hab noch nicht alle Frauen gesehen.“

A: Was hat dich bewogen Zähne in Deinem Werk zu integrieren?

C: Zähne fasziniernen mich! Auch sind weisse, wohl platzierte Zähne ein Schönheitsmerkmal.  Zähne  bilden aber auch einen Zaun, der die Außenwelt von der Innenwelt eines Menschen trennt; einen weißen Lattenzaun, der unsere fragile Intimwelt vor gefährlichen Eindringlingen schützt...oder könnte es auch sein, dass der Zaun die zarte Aussenwelt vom Ausbrechen unseres unberechenbaren, inneren Monsters schützt? Zähne dienen auch als Waffen.

A: Was hat dich bewegt, diese Frauenfigur mit übergrossen Brüsten und Zähnen zu gestalten?

C: Die Begriffe Frau und Mutter sind auch im sexuellen Rollenspiel zwischen Mann und Frau eng miteinander verbunden. Das Thema Gemütlichkeit spielt im Universum unserer Sehnsuchten eine führende Rolle. Der ewige Wunsch in der Supermutter Geborgenheit zu finden, von ihr total umfasst und in ihr bedingungslos beherbergt zu sein, ist ein beständiges Sehnen. Viele Männer haben den Urwunsch in dieser weichen, wundervollen Welt wieder einzutauchen, wie damals. Schlussendlich besteht aber auch die Angst vom gezahnten Superbusen mit Haut und Haar aufgefressen zu werden, bis er uns auf ewiglich umgibt.

A: Mythos  Femme fatale?

C: Die Femme fatale ist lediglich die für den Mann tod-gefährliche Frauenfigur. Die Frau, die den Mann neutralisiert; des Mannes mächtige Stellung in der Gesellschaft wie wir sie kenen hinterfragt. So passt der Vergleich mit der Vagina dentata; die weiche Höhle mit den versteckten Zähnen, die den Mann, wenn er sich dorthin hinein verliert, seiner Männlichkeit entledigt. Im Grund ist diese  gefährliche Verbildlichung der willens-starken Frau, eine aus männlicher Angst entstandener Mythos. Je mehr die Natur mit ihren komplexen Systemen von unserer Gesellschaft in ihrer Wichtigkeit verkannt wird und in den Hintergrund gedrängt wird, desto mehr erscheint, vielleicht nachts in den Träumen der Männer die Figur der rachesüchtigen Femme fatale - die besonders verführerische unwiederstehliche Frau mit magisch-dämonischen Zügen. Eine alles auffressende bezahnte Vagina, die die Männer im Beischlaf verspeist.

A: Puccini’s Oper La Bohème:

C: Sie handelt von einem scheuen Mädchen, die Mimi, die brav zu Hause sitzt und Blumen stickt. In der Arie, mit der sie in der Oper eingeführt wird, beschreibt sie, dass ihre Blumen leider den magischen Duft von echten Blumen missen. Die Antagonistin der Mimi in der Oper ist die Musetta, die in allen Sinnen üppige Geniesserin. Musetta singt wie sie es liebt, von Männern bewundert und manchmal gefürchtet zu werden, wenn sie alleine in der Strasse geht:“ Quando men vo soletta per la via..“.  In der Oper stirbt die arme Mimi, schlussendlich elend weg, während die Musetta blühend lebt. Alle Frauen haben, wenn sie es sich eingestehen, eine Musetta in sich. Die Mimi-Seite hat aber vor diesem zweiten Gesicht Todesangst und stösst die Unruhestifterin vorsichtshalber lieber in den dunklen Keller hinunter…denn die Folgen könnten ja schaurig sein, wenn Musetta mal richtig loslegen würde...!!!

A: Die Performance am Time Square war total verrückt und außer Kontrolle..

C: Ja, ich liess mich einfach gehen, ich liess die nette, anständige Clarina, die alles richtig machen will Zuhause (blumen stickenJ); vieles lief nicht nach Plan, aber eine Musetta lässt sich von solchen Belanglosigkeiten nicht beeindrucken, so entfaltete sich die Nacht mit all ihrer unverhofften Magik - man muss einfach nur loslassen und sich hingeben.

A: Diese Arbeit spricht auch von der Angst vom Altern?

C: Die Angst vom Altern liegt darin, die Macht zu verlieren; „gerade gestern habe ich eine Frau klagen gehört: "Er hat mich verlassen und ist mit einer jügeren davongerannt...“ Aus Angst versucht man die Zeit aufzuhalten – sich mit einer riesigen Hand im Boden festzuhaken – das unaufhaltbare zu kontrollieren; verzweifelt die Jugend festzuhalten. Jetzt entschlüpft uns das Leben, jetzt, wo wir es erst verstünden zu leben…Aber wie J.B. Shaw sagt, Jugend ist an den Jungen vergeudet. Man kennt, wenn man jung ist, den Wert vom frischen Leben nicht, man versucht sich und seinen Körper in ein festgefahrenes, unkreatives System reinzuquetschen. Darum ist wenn man jung ist, der Umgang mit Schönheit und Körper viel schwieriger als im fortgeschrittenen Alter. Eine Frau in den 40ern kennt inzwischen ihren Körper und hat auch die Weitsicht, die Oberflächlichkeiten der flüchtigen Schönheitstrends mit Perspektive zu sehen. Auch kommt erst später die Zeit, wenn der Körper aufbegehrt und gegen die langjährige Unterdrückung rebelliert.  Ihre Sexualität wird endlich wach, die Rose blüht vor ihrem Zerfall noch einmal intensiver auf, denn der körperliche Zerfall ist nah. Wie beim Schubert Lied der Rose: “Für die Sonne öffnet die Rose ihre Knospe, wo alle Reize lagen”....”da wurde zu heiss, die Sonne, die muss ich drum verklagen, nun muss ich frühe welken, dem Leben schon entsagen.“ Ein delikater Vergleich ist die Erdbeere; sie ist am köstlichsten eine Stunde bevor sie faul ist.

A: Singst du das Lied vom Schubert? Welches Lieblingslied hast du?
C: In meiner Schulzeit habe ich die Winterreise gern gesungen und mein Lieblingslied davon war das Lied vom Tod und dem Mädchen

Das Mädchen:
Vorüber! Ach vorüber!
Geh, wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh Lieber!
Und rühre mich nicht an.
Der Tod:
Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!
Bin Freund und komme nicht zu strafen.
Sei gutes Muts! ich bin nicht wild,
Sollst sanft in meinen Armen schlafen!